„Keine öffentliche bundesweite Fahndung, keine Belohnung für Hinweise, kein Verbot! Nach dem skrupellosen Anschlag auf eine Kabelbrücke in Berlin, nach dem Zehntausende Haushalte bis zu 100 Stunden ohne Strom, Heizung, Internet waren, laufen die Strom-Terroristen und ihre Unterstützer weiter frei herum. Wie kann das sein?“
In der Berichterstattung über den Brandanschlag vom 03.01.2026 auf Stromversorgungskabel im Südwesten Berlins ist eine Frage ähnlich:
Wie kann das sein?
Die Antwort: Deutsche Sicherheits- und Strafverfolgungsbehörden sind hierzu unfähig. Weder gelingt ihnen die Identifizierung von Tätern, noch die Annäherung an Unterstützer-, Publikations- und Kommunikationsstrukturen, wie in dem Fall, militanter anarchistischer Bewegungen. Vulkangruppen gibt es viele. Werden zufällig zwei oder drei Zugehörige (als Ausführende von Brandanschlägen) dieser Gruppen gefasst, rücken neue Praktiker nach und begehen weitere Anschläge. Der Fokus muss daher ein anderer sein: das Eindringen in die global vernetzte Szene selbst, das überraschend erfolgen und auf Mitglieder der Bewegung verstörend wirken muss; nur so lässt sich die durch komplexe Anstrengungen hergestellte Anonymität destabilisieren.
„Achtung: Polizei und Nachrichtendienste überwachen Internetseiten, die politische Kämpfe unterstützen. Wir bemühen uns die Webseite so sicher wie möglich zu gestalten. Um das Risiko, von Repression getroffen zu werden, so gering wie möglich zu halten, musst du aber stets auch eigene Vorkehrungen treffen. Hier ein paar Tipps, wie du dich möglichst sicher im Internet bewegen kannst. Alle, die auf EMRAWI einen Account erstellen, können auf die interne Redaktions-Seite zugreifen und so die vorgeschlagenen Artikel sowie Kommentare unter den vorgeschlagenen Artikeln einsehen. Um die Moderation transparenter zu gestalten liegt diese Seite relativ offen. Um so wichtiger ist es, dass du anonym bleibst. Verwende als Benutzer*innenname immer ein Pseudonym. Gib weder in Kommentaren noch in Artikeln Informationen über dich und über andere Personen preis. Nur Moderator*innen können die E-Mailadressen sehen, benutze trotzdem niemals eine Adresse, die mit deinem Namen in Verbindung gebracht werden kann. Um zu vermeiden, dass deine oder andere Identitäten aufgedeckt werden, solltest du dich oder andere niemals mit der Seite in Zusammenhang bringen. Weder öffentlich noch über Internet oder Telefon. Es gab schon mehrere juristische Verfahren im Zusammenhang mit ähnlichen Seiten.“ (Quelle: emrawi.org)
Sind Nachrichtendienste in die Überwachung von Internetseiten involviert, bedeutet es nicht automatisch ein höheres Maß an Kompetenz oder Fähigkeit. Wie wir in der Vergangenheit aufgezeigt haben, war beispielsweise der Bundesnachrichtendienst schon nicht fähig, seine Kreativagentur innerhalb der BND-Recruitingkampagne „Komm dahinter“ abzuschirmen bzw. geheim zu halten, obwohl dies strategisch beabsichtigt war. Eine nachträgliche Recherche von uns erforderte etwas Instinkt und einen effektiv zweistündigen Begründungsaufwand, der zur Herausgabe* des Domaininhabers und damit der BND-Kreativagentur führte, denn selten registrieren Auftraggeber Kampagnendomains selbst. Nachträglich haben wir eine Internetseite mit den relevantesten Dienstleistern der „Komm dahinter“-Kampagne erstellt und öffentlich zugänglich gemacht sowie Personen aus sozialen Netzwerken, die sich mit der Frage nach der BND-Kreativagentur befasst hatten, direkt informiert.
*Ergänzung: In die Herausgabe der Domaininhaberdaten war der Datenschutzbeauftragte der DENIC eG involviert; zudem musste folgende Erklärung abgegeben werden: „Sie müssten uns zusichern, dass die herausgegebenen Daten nur für journalistische Zwecke verarbeitet werden und dabei die Persönlichkeitsrechte der Betroffenen zu wahren sind. Im Übrigen sollten Sie bitte den Nachweis liefern, dass Sie auf das Datengeheimnis gemäß §§ 12 Abs.1 S.2 und 23 Abs. 1 S. 2 MStV verpflichtet sind oder sich gegenüber den DENIC dazu verpflichten.“
Am 25. August 2017 hat der Bundesinnenminister den Ableger „linksunten.indymedia.org“ verboten. Ein Tropfen auf dem heißen Stein, der nichts an der szenetypischen Denkart ändert, die national und international in schwere Straftaten mündet:
Noch ist es Zeit, offensive Komplizenschaften zu schmieden und zu stärken, die das anarchische Handeln am Leben erhalten. Die die Erinnerung an jene wachhalten, die in die Offensive gegangen sind, die eine solidarische Umarmung für diejenigen sind, die in den Kerkern des Kapitals sitzen, und in gewisser Weise dazu beitragen, den kostbaren sozialen Frieden zu zerstören.
Bislang fehlt es aus dem Milieu des militanten Anarchismus an Klarnamen und durchsuchungsfähigen Adressen.
Die Szene operiert mit schwer durchdringlichen Domains wie .org, .net, .news, .info und nutzt häufig Email-Adressen bei Anbietern gleicher Gesinnung, beispielsweise Riseup, die sich selbst als autonomes Technikkollektiv bezeichnen. Wurden früher persönlich betriebene Blogs auf https://blackblogs.org/ errichtet, finden sich diese heute in hoher Anzahl auf https://noblogs.org/
Ein besonders aktives Profil, gemeinsam mit einem weiteren (französischsprachigen) Profil, hält in auffälliger Dichte Artikel zu Anschlägen auf Infrastrukturen in Deutschland bereit, wobei erkennbar ist, dass diese Inhalte manuell bearbeitet, kuratiert und kontextualisiert werden. Nach außen tritt dieses Profil unter einem Namen auf, der wie ein Weck- oder Schlachtruf wirkt, während intern – mutmaßlich unbeabsichtigt – ein abweichender Username bzw. Autorenname sichtbar wird, der hochspezifisch ist und auf die zoologische Bezeichnung eines Strudelwurms verweist.
Neben Verbreitungs- und Propagandaportalen wie https://knack.news/, https://radikal.news/und beispielsweise https://kontrapolis.info/ existiert eine hocheffiziente aggregierende Plattformstruktur [ihr Name wird vorerst nicht genannt], die über 119.000 Artikel von ca. 2.800 anarchistischen Kollektiven, Gruppen und Verlagen zum Abruf bereithält. Diese Plattform unterscheidet sich von informationsorientierten Angeboten mit Impressum dadurch, dass weder Impressen noch belastbare Kontaktangaben oder Klarnamen von Betreibern auffindbar sind. Das Portal ist in englischer, französischer, spanischer, portugiesischer, deutscher, italienischer, katalanischer, griechischer, türkischer und niederländischer Landessprache verfügbar, wobei Kollektive wie EMRAWI dem deutschsprachigen Raum zugeordnet werden. Die Struktur des Portals ermöglicht einen Gesamtblick auf weltweit bestehende anarchistische Netzwerke, da sich über hinterlegte Quellen eine umfassende Kartierung dieser Akteure ergibt, die ihrerseits nahezu vollständig anonym agieren. Zugleich lässt sich der Aktivitätsgrad aller Quellen anhand der Anzahl vom Portal übernommener, automatisiert eingespielter Beiträge nachvollziehen. Das deutschsprachige Indymedia ist derzeit mit 6.574 Artikeln vertreten.
Im Januar 2023 erkundigten sich SPD-Abgeordnete nach dem oder den Betreibern/(Domain)Inhaber(n) des deutschsprachigen Ablegers dieses Portals. Einen Monat später teilte die Landesregierung des betreffenden Bundeslandes mit, es handele sich um eine Datenbank mit radikal-alternativen Presse- und anarchistischen Informationen. Darüber hinausgehende Erkenntnisse, insbesondere zu verantwortlichen oder mitwirkenden Personen, lägen den Sicherheitsbehörden des Landes nicht vor.
Die Landesregierung sprach sogar lediglich von einer „mehrsprachigen Website“, was nahelegen würde, dass sämtliche Inhalte unter einer einzigen Domain liegen und nur die Sprache gewechselt wird. Diese Annahme ist jedoch unzutreffend, da für jede Landessprache eine eigene Domain registriert wurde. Mit Blick auf die deutsche Domain ist dieser Umstand von besonderer Relevanz.
Unsere diesbezügliche Mitteilung an namentlich nicht genannte Ermittlungseinheiten lautete daher (in verkürzter Wiedergabe): „Aufgefallen ist, dass der deutschsprachige Ableger über eine .de-Domain betrieben wird. Soweit dies bislang überblickt werden konnte, ist der konkrete Betreiber und/oder Inhaber dieser Domain nicht bekannt. Mit Unterstützung der in Frankfurt am Main ansässigen DENIC eG ist es grundsätzlich möglich, durch ein begründetes Auskunftsersuchen den Klarnamen des Domaininhabers zu erhalten. […] Die hinterlegten Kontaktdaten sollen plausibel wirken, und auch eine konkrete .com-Email-Adresse soll hinterlegt sein. Mit der Erlangung des Klarnamens ließen sich weitere Anhaltspunkte, Verbindungen bzw. Vernetzungen recherchieren.“
Strafverfolgungsbehörden werden durch die DENIC eG bevorzugt beauskunftet.
Vulkangruppen, und vergleichbar militante Gruppierungen, die Anschläge durchführen, agieren nicht isoliert oder infolge von Einzelentscheidungen. Ihr Handeln bewegt sich innerhalb eines ideologischen Referenzrahmens sowie einer global ausgerufenen Agenda, in der Sabotage, Angriffe auf Infrastruktur und militante Aktionen als legitime Mittel politischer Intervention verstanden werden. In diesem Sinne fungieren solche Gruppen als operative Vollstrecker eines Diskurses, der international geteilt, übersetzt und weiterverbreitet wird.
Bekennerschreiben von Vulkangruppen, wie zuletzt nach dem Brandanschlag auf die Strominfrastruktur im Südwesten Berlins, sind nicht bloß Textwerke, sondern hochanspruchsvolle Sprachkompositionen, die auf eine Beteiligung von Personen mit akademischem/universitärem Hintergrund schließen lassen, ohne dass diese an der praktischen Durchführung der Taten beteiligt sein müssen. Vgl. Bekennerschreiben Deutsch und Englisch
Zu den Unterstützerstrukturen zählen dabei auch Medien, die in digitaler wie analoger Form affirmierend über Sabotageakte, speziell der Vulkangruppen, berichten, ohne sich glaubhaft von der zugrunde liegenden Ideologie oder von den Taten selbst abzugrenzen bzw. zu distanzieren. Bei der Kartierung solcher Medien zeigt sich, dass sie weder dem Bereich verlagsartig organisierter anarchistischer Literatur mit gültigem Impressum zuzuordnen sind, noch unter offen agitatorisches, klassisch-antifaschistisches Kampfschrifttum fallen, sondern in einem schmalen, diffus gehaltenen Zwischenraum operieren, der sie rar, unauffällig und schwer greifbar macht. Diese Medien agieren fast ausschließlich englischsprachig, sodass der deutsche Durchschnittsrezipient mit ihnen nicht in Berührung kommt, obwohl ihn die Auswirkungen anarchistischer Gewalt faktisch selbst betreffen.
Von diesen radarvermeidend agierenden Subkulturen haben deutsche Sicherheitsbehörden bislang keine Kenntnis.
Wir sind auf ein Medium gestoßen, das in seiner Aufmachung professionalisiert wirkt und den Begriff Anarchie (im Englischen) als eines von drei Worten im Subtitel führt. Presseanfragen können jedoch ausschließlich über eine auf der Website angegebene proton.me-Email-Adresse gestellt werden; ein Impressum fehlt, sodass zunächst keine Rückschlüsse auf den Herausgeber möglich sind. Bei der Durchsicht einzelner Publikationen findet sich eine unscheinbare Ortsangabe, die auf ein deutsches Bundesland verweist, in dem das Medium ansässig und tätig sein soll, ohne dass hierzu ein offizieller Google-Eintrag oder sonstige Verzeichniseinträge existieren. Insgesamt lassen sich unter dem Namen dieses Mediums lediglich drei nahezu identische deutschsprachige Google-Suchergebnisse feststellen, die inhaltlich keine Relevanz besitzen und den Herausgeber nicht ermitteln.
Buckminster in vertraulicher Mitteilung:
„Eine der identifizierten Publikationen widmet sich explizit anarchistischen Feindseligkeiten gegenüber dem sogenannten grünen Kapitalismus. Sie umfasst insgesamt 13 Kapitel; in Kapitel 4 und 9 wird ausführlich auf die Anschläge der Vulkangruppe in Deutschland eingegangen. [Hinweis: Bekennerschreiben sowie Blogtexte von zwei spezifischen Blogs wurden ohne Einordnung oder inhaltliche Distanzierung übernommen].
Die sprachliche Kuratierung ist auffallend hochwertig, was uns zu weitergehenden Recherchen zu den Hintergründen der Herausgeber bzw. des Herausgebers veranlasst hat. Auf der „About“-Seite des Mediums ist ein Advisory Board mit ca. 30 namentlich benannten Personen aufgeführt. Innerhalb dieses Konvoluts fällt eine männliche Person auf, die zwar formell als Advisor genannt wird, bei der jedoch nach unserer Recherche und Einschätzung eine hohe Wahrscheinlichkeit besteht, dass sie faktisch als Herausgeber fungiert. […] An jener Adresse, die das Medium in seinen tieferliegenden Angaben selbst referenziert, ist eine GmbH registriert, an der diese männliche Person gemeinsam mit zwei weiblichen Mitgeschäftsführerinnen beteiligt ist. Die zwei Mitgeschäftsführerinnen sind den Jahrgängen 1990 und 1978 zuzuordnen, die männliche Person dem Jahrgang 1972. [Hinweis: Handelsregisterauszug notwendig.] Das betreffende Objekt, […], ist auf gängigen Kartendiensten teilweise „geblurred“ dargestellt, lässt sich jedoch über Satellitenbilder betrachten; zudem existiert eine profilartige Beschreibung der Immobilie auf einer deutschsprachigen Internetseite.
Bei einer weiteren Person, die die betreffende (in Druckform in Kroatien produzierte) Publikation begleitet und editiert haben soll, dürfte es sich um ein bewusst gewähltes Pseudonym handeln. Hinweise darauf, dass es sich um einen real existierenden Namen handelt, konnten bislang nicht festgestellt werden, obwohl der Name nach außen hin entsprechend wirkt. Es kann überwiegend davon ausgegangen werden, dass die Einleitung der Publikation vom Herausgeber selbst verfasst wurde, jedoch unter Verwendung dieses Pseudonyms.
In der Einleitung heißt es u.a.: Diese Sammlung von Texten und Kommuniqués ist zudem nicht repräsentativ für die zahllosen Aktionen weltweit. Aufgrund der Intensität der Aktionen und Texte der letzten Jahre ist der Fokus etwas deutschlandlastig. […] Angesichts dessen, dass Tesla als Symbol eines Techno-Faschismus (oder eines neo-italienischen Futurismus) gilt – nicht nur durch die Mitorganisation eines demokratischen Staatsstreichs, sondern auch durch einen expliziten, markenfremden Sieg-Heil-Gruß an die gesamten „United Snakes“ – zeigt sich die Notwendigkeit einer Feindseligkeit gegenüber grünem Kapitalismus und dem dahinterstehenden Korporatismus. […] Diese kleine Sammlung befasst sich mit jenen, die das Problem des grünen Kapitalismus und seiner Technologien erkannten und gegen sie handelten. Sie ist bei Weitem nicht vollständig (daher „Band I“) und stellt nur eine Auswahl von Aktionen und Analysen dar. [Name] begrüßte diese Zusammenstellung von Texten, da sie – im besten Sinne der liberal-akademischen Tradition – die historische Bedeutung dieser Texte im Kontext von Green Deals, transnationalen Energieprojekten, Unterseekabeln und der Regulierung von Elektrofahrzeugen anerkennt.
