Beyond art nobody knows you

Keine Einleitung ist schöner als die, die bereits geschrieben wurde. To us, there’s no better introduction than the one that’s already been written.

(Optimierte Fassung / revised version):
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Das Ende des 20. und der Beginn des 21. Jahrhunderts prägen die Herausbildung von Banksys Persönlichkeit. Es ist eine Zeit, in der verschiedene Gegenkulturen entstehen, die das neoliberale System durch Ideen und Handlungen kritisieren und ähnliche ethische Ziele verfolgen. Es entstand ein neuer Typ Künstler: die ideale Mischung aus urbanem Archäologen, aktivem Kämpfer und visionärem Interpreten von Zitaten. Der Street-Art-Künstler wird zum Autor visueller Leitartikel, der auf politische Konflikte reagiert und dabei eine Ästhetik des Retrofuturismus nutzt – geprägt von Schönheit und Raffinesse, jedoch gewürzt mit einer gehörigen Portion Ironie. Die Werke erscheinen morgens wie aus dem Nichts, werden fotografiert und verbreitet. All dies unterscheidet sich deutlich vom kanonischen System der zeitgenössischen Kunst – man kann sagen, es steht ihm in Methode und Ergebnis sogar direkt entgegen. Ausgehend von einem postmodernen Ansatz entfaltet Street Art das soziale Imaginäre des Zitierens, der kollektiven Erinnerung und der Postproduktion. Die Künstler überarbeiten und erneuern Malerei, Handwerk, Zeichnung und Technik und formen dabei eine besondere Identität des Künstlers als „homo faber“ – als schaffenden Menschen, gespeist von einer romantischen Wahrnehmung, zugleich aber kämpferisch eingestellt gegenüber der traditionellen künstlerischen Erfahrung.

In Büchern wurde das Leben und Werk eines der zentralen Protagonisten des neuen Paradigmas der zeitgenössischen Kultur vielfach dargestellt. BANKSY. Ein exemplarischer Außenseiter – der Einzige, dem es gelungen ist, außerhalb des offiziellen Systems zu arbeiten und dennoch dessen Gipfel zu erobern. Dabei hat er die Karten der sogenannten Kunstwelt neu gemischt, indem er seine Werke nicht Kuratoren, Kritikern oder Museumsdirektoren präsentierte, sondern unmittelbar dem Publikum, und das Kunstwerk in den Mittelpunkt des öffentlichen Diskurses stellte.

Banksy behauptet, dass „die bildende Kunst innerhalb der Kultur eine Sonderstellung einnimmt, weil ihr Erfolg nicht vom Publikum abhängt. Menschen füllen täglich Konzertsäle und Kinos, wir lesen Millionen von Romanen und kaufen Milliarden von Schallplatten. Wir als Publikum beeinflussen die Produktion und Qualität eines großen Teils unserer Kultur – aber nicht unsere Kunst.“

Banksy ist einer der wenigen heute lebenden Künstler, der Bedeutung und Relevanz miteinander verbindet und dabei die Mechanismen der Medien nutzt, um ethisch reflektierte Botschaften zu vermitteln.

Dies bestätigt auch die Aussage des amerikanischen Künstlers Jeff Koons: „Es gibt einen Unterschied zwischen Bedeutung und Relevanz. Das, was uns von den Medien ständig angeboten wird, wird durch Wiederholung für uns relevant. Bedeutung jedoch ist ein Begriff aus höheren Sphären.“[1]

[1] Stefano Antonelli und Gianluca Marziani

BANKSY traf 1997 auf Steve, eigentlich Stephen, Lazarides, der den Künstler seither organisatorisch begleitete und fotografisch dokumentierte (vgl. BANKSY CAPTURED von Steve Lazarides).

Lazarides war zugegen, als BANKSY 2003 mit „Turf War“ seinen Durchbruch in Großbritannien erlebte.

„Turf War“ war die erste und größte von BANKSY selbst organisierte retrospektive Einzelausstellung seit seiner Ausstellung in der Rivington Street im Jahr 2000. „Turf War“ sollte vom 18. bis 21. Juli 2003 in London stattfinden, wurde jedoch durch behördliches Einschreiten (u.a. weil es für die lebenden Tiere innerhalb der Ausstellung zu heiß gewesen sein soll) vorzeitig abgebrochen und lief nur an den ersten drei Tagen. Die Ausstellung wurde auf drei verschiedenen Flyern angekündigt, und die Location erst einen Tag zuvor per E-Mail bekannt gegeben. Auf der offiziellen Website des Künstlers war nur der Hinweis „Hackney Warehouse“ zu lesen, der keinen Rückschluss auf die genaue Location zuließ. Bei dem Ausstellungsort handelte es sich um ein leerstehendes Lagerhaus (mittlerweile abgerissen) in der Kingsland Road 479-483 Kingsland Road, London E8 (Hackney). Laut BANKSY wurde die Ausstellung von über 6.000 Besuchern gesehen, und zog zudem die Aufmerksamkeit von Reportern nicht nur verschiedener Websites und Blogs auf sich, sondern auch der BBC und Zeitungen wie „The Observer“ und „The Independent“. Bekannte Medienpersönlichkeiten wie Jamie Oliver (Koch und Gastronom) und DJ Sara Cox besuchten ebenfalls die Ausstellung.[2]

Am linken Rand von einem der Flyer stand:

Photography by Steve Lazarides. Assisted by Puma.

Hinweis: Puma war als kultureller Sponsor beteiligt, da das Unternehmen Street-Art-Projekte unterstützte, um seine Marke im urbanen und subkulturellen Kontext zu positionieren; für BANKSYS Ausstellung wurde ein spezieller Schuh mit der Aufschrift „TURF WAR“ produziert.
[2] BANKSY, The Early Shows

Der Archivfund (Interview mit BANKSY)

Im Rahmen des Pre-Openings von Banksys „Turf War“-Ausstellung filmte der Reporter Haig Gordon den Künstler bei der Arbeit. Gordon sah zu, wie BANKSY Werke schuf, die längst als echte Banksys gelten. Gordon führte außerdem ein kurzes Interview, in dem BANKSY mit hochgezogenem Shirt und Baseballkappe vor der Kamera stand. Das Material, das am 17. Juli 2003 aufgenommen wurde, stammt von der unabhängigen Nachrichtenagentur ITN (Independent Television News) und wurde unter dem Label ITV News (ITV London Tonight) produziert und ausgestrahlt. Das etwa zweiminütige Band lag danach 16 Jahre lang unbeachtet im ITV-Archiv. Erst 2019 entdeckte der ITV-Reporter Robert Murphy bei der Durchsicht alter Beiträge den schlichten Archiv-Eintrag „Interview with Banksy“. Er zog das Material an sich und machte damit eines der seltensten bewegten Dokumente des Künstlers wieder zugänglich.

Hinweis: BANKSY soll nur bis einschließlich 17. Juli 2003 (nur tagsüber) vor Ort gewesen sein, da er während der Eröffnung und offiziellen Ausstellungszeiten seine Festnahme fürchtete.

Distinctive parts of BANKSY

Es lassen sich drei Merkmale feststellen, die BANKSY wiederkehrend freiwillig von sich preisgibt: sein Talent, seine Hände und Arme sowie seine Stimme. In den nachfolgend gezeigten Interviews Turf War (2003), Boom or Bust (2000) und TV Interview (1995) spricht dieselbe Person. Auch im Ausschnitt „B Movie“ aus Exit Through the Gift Shop (2010) sind Stimme und Sprechweise trotz der Verzerrung wiederzuerkennen und dem Künstler zuordenbar.

Hinweis: BANKSY arbeitet in Videos gelegentlich mit Einblendungen, die andere Personen aber nicht ihn zeigen.

Recognized by arms and hands

In dem Archivmaterial vom 17. Juli 2003 liegt der Schlüssel zu BANKSYS Wiedererkennbarkeit: seine Arme und Hände. Sie sind die einzige Spur, die BANKSY nie tilgen konnte.

Die YouTube-Kanäle „banksyfilm“ (ca. 95.000 Abonnenten) und „banksy.blog“ (ca. 22.000 Abonnenten) halten dokumentarisch Videos über den Künstler und seine Werke bereit.

Buckminster NEUE ZEIT hat sich Videomaterial von BANKSY über einen Zeitraum von fast 20 Jahren angesehen und die Arme und Hände frameweise festgehalten. Die Sammlung stellen wir hier zur Verfügung. BANKSY, der junge Mann, der 2003 Insekten an Wände sprühte, besaß bereits damals eher schlanke, athletische Unterarme mit mitteldichter, warm-bräunlicher Behaarung und einem geraden Übergang zur Hand. Die Hände selbst zeigen im Grip-Modus, also wenn sie die Dose halten oder den Stencil fixieren, markant hervorstehende Knochenverläufe auf dem Handrücken und ein charakteristisches Venenmuster. Man muss es sehen: im direkten Abgleich zwischen Standbild und Bewegtmaterial. Zu berücksichtigen ist, dass Haut im Winter nicht identisch mit leicht gebräunter Sommerhaut ist und sich Hände über 20 Jahre natürlich verändern, u.a. durch mögliche Gewichtszunahme, Alterung oder Gebrauch. Im Kern jedoch gehört das, was wir sehen und was BANKSY freiwillig preisgibt, ein und derselben Person.

Am schlagendsten ist vermutlich die Gegenüberstellung Turf War 2003 und Great British Spraycation 2021:

Last but not least

Entgegen kursierender Gerüchte trägt BANKSY kein unmittelbar sichtbares Armtattoo. Bildaufnahmen von Ausstellungen, die dies belegen sollen, sind vielmehr dem Collaborateur Ben Eine zuzuordnen (vgl. Union Jack Mazda, Kunsthalle Exnergasse, Wien 2003). BANKSY selbst dürfte aber womöglich ein höher am linken Arm sitzendes Tattoo besitzen, das in seiner Form schlangenartig anmutet.

Alle Behauptungen, Gerüchte und abwegigen Theorien, wonach Robin Gunningham, Robert Del Naja oder irgendein x-beliebiger Mann namens Georgiou insgeheim BANKSY sei?

Reine Fiktion, die als Enthüllung getarnt ist.

© Buckminster NEUE ZEIT